Der Anruf
Am 8. August erhielt ich den Anruf: „Timo hat seinen Besitzer gebissen – er muss weg.“
Die Polizei war bereits vor Ort. Laut Vorschrift muss ein Hund, der gebissen hat, innerhalb von zehn Tagen einem Tierarzt vorgestellt und auf Tollwut untersucht werden. In dieser Zeit darf er nicht vermittelt oder gar getötet werden.
Ich bat darum, Timo in der Zwischenzeit im Human Dog Center bei Lisa Streimelweger vorzustellen, damit eine fachliche Einschätzung erfolgen konnte, die eine mögliche Vermittlung erleichtern würde.
Zunächst geschah jedoch nichts. Erst nach wiederholtem Bitten meinerseits wurde Timo schließlich vorgestellt. Doch dann zeigte sich: Eine Vermittlung war überhaupt nicht geplant. Auch an einem Training bestand kein Interesse – vielmehr wurde mehrfach der Wunsch geäußert, Timo einschläfern zu lassen.
Ein Neuanfang
Für uns stand fest, dass Euthanasie niemals eine Option sein würde!
Am 19. August holten wir Timo schließlich zu uns, ohne genau zu wissen, was uns erwartete. Die Übergabe erfolgte im Human Dog Center.
Per WhatsApp erhielt ich ein abfotografiertes, handgeschriebenes A4-Blatt mit knappen Notizen: Sinngemäß „Ressourcenverteidigung, Korrekturen werden mit Knurren beantwortet, beim Schlafen will er nicht gestört werden. Streicheln nur, wenn er es mag…“ – keine wirklich hilfreiche Grundlage.

ein erschreckender Anblick
Warum der Name „Timo“?
.Mit dem Einzug bei uns sollte für Timo ein neuer Lebensabschnitt beginnen – und dazu gehörte auch ein neuer Name. Er markierte den Abschluss mit seiner schwierigen Vergangenheit und den Start in ein besseres Leben.
Ich wählte „Timo“, weil der Name weich und freundlich klingt und sich stimmlich gut führen lässt. Ein Name, den man klar, ruhig und ohne Härte aussprechen kann – wichtig für Training, Alltag und den Aufbau von Vertrauen.
Das Training
Dank der Einschätzung und der Unterstützung durch Lisa konnte ich gezielt an den Problemen arbeiten. Zu Beginn zeigte Timo deutliche Ressourcenverteidigung: Türen, Futter und erhöhte Plätze mussten verteidigt werden. Ihm wurden klare Grenzen gesetzt, Korrekturen erfolgten stets mit liebevoller Konsequenz – niemals laut oder grob.

Tag 1: Ohne Beißkorb hätte ich Verletzungen an Knie und Unterschenkel davongetragen. Einige Tage später, keine Verteidigung mehr.
Schon nach wenigen Tagen zeigte sich ein deutlicher Fortschritt: Türen stellten keine Ressource mehr dar. Nach acht Tagen legte er seine Futteraggression ab und lernte, freiwillig Dinge abzugeben. Bereits nach zwei Wochen Training hatte er sich zu einem verschmusten, fröhlichen und alltagstauglichen Hund entwickelt, der sich harmonisch in unser Rudel einfügte. Zu keinem Zeitpunkt zeigte Timo Aggression wenn wir ihn streichelten, über ihn drüber stiegen, rüber beugten. Anfänglich zeigte Timo Meideverhalten, wenn wir ihn mit der rechten Hand an der linken Seite berührten. Ein Schelm, wer da Böses denkt. Auch hier lernte Timo schnell zu vertrauen. Wir könnten ihn überall berühren, ins Maul fassen, Zähne und Ohren kontrollieren, mit ihm herumtollen, genauso, wie wir es bei unserem Rudel auch machen können.
Eine Woche später: ohne Beißkorb, kein Anzeichen mehr von Ressourcenverteidigung. Geben und nehmen. Das Vertrauen ist hergestellt.
Warum Hunde beißen
Aber warum beißt ein Hund überhaupt?
Niemals ohne Grund. Ein Biss ist immer das letzte Mittel, wenn er glaubt, nicht mehr verstanden zu werden. Vorher zeigt er so viele kleine Signale – Knurren, Zähne zeigen, Abwenden, Anspannung. Wenn niemand darauf reagiert, bleibt ihm oft nur noch der Biss, um sich Gehör zu verschaffen. Dahinter stecken fast immer Unsicherheit, Angst oder das Gefühl, er müsse selbst für Sicherheit sorgen, weil niemand anderes diese Aufgabe übernimmt.
Auch Timos Ressourcenverteidigung war kein „Böse-Sein“. Futter, Türen, erhöhte Plätze – all das waren Dinge, die er sichern musste, weil er es nicht besser kannte. Für ihn war das überlebenswichtig. Er hatte nie gelernt, dass man vertrauen darf, dass Abgeben nichts Schlimmes bedeutet - Abgesehen davon, käme uns auch nie in den Sinn unsere Hunde beim fressen zu stören.
Was Training bewirken kann
Und genau hier setzt Training an. Mit klarer, liebevoller und konsequenter Führung kann sich alles verändern. Der Hund spürt, wenn er ernst genommen wird, wenn Grenzen gesetzt werden, ohne ihn dabei zu brechen, wenn jemand Verantwortung übernimmt. Dann begreift er: „Ich muss nicht kämpfen. Mein Mensch regelt das für mich.“
Das ist der Moment, in dem sich alles dreht. Türen verlieren ihren Wert, Futter wird freiwillig abgegeben, ein unsicherer Hund entspannt sich. Und aus einem angeblich „gefährlichen“ Rüden wird ein verschmuster, fröhlicher Begleiter, der sein neues Leben endlich genießen darf.

so ein schönes Lachen
Ein neues Zuhause
Schon recht frühzeitig fanden sich neue Interessenten, die Timo kennenlernen durften. Per Videotagebuch hielten wir nicht nur sie, sondern auch viele unserer Nachzuchtbesitzer und Freunde über seine Fortschritte auf dem Laufenden.
Am 26. September war es dann soweit: Timo zog aus. Der Abschied fiel mir unglaublich schwer, denn er war mir sehr ans Herz gewachsen. Immer wieder stellten wir uns die gleiche Frage: Wie kann man nur einen gesunden Hund, mit dem man einfach nur hätte trainieren müssen, einschläfern lassen wollen?
Und noch eine Frage beschäftigte uns: Wie konnte es überhaupt so weit kommen? In drei Jahren wurde in der WhatsApp-Gruppe ausschließlich positiv über ihn berichtet – kein einziges Wort über Probleme. Warum also diese plötzliche Wendung?
Mein Fazit
Timo ist ein sensibler, liebenswerter Rüde, der drei Jahre seines Lebens verschenken musste – an Menschen, die ihm nie die richtige Führung, Sicherheit und das nötige Verständnis gaben. Es tut mir unendlich leid, dass er das durchleben musste und dass ich mich bei seiner Vergabe so sehr täuschen ließ.
Jetzt hat Timo sein Für Immer Zu Hause gefunden. Er hat Menschen gefunden, die ihn verstehen, ihn ein sicheres Heim bieten und auch artgerecht beschäftigen. Er wird weiterhin von Lisa betreut.
Unser besonderer Dank geht an Lisa. Auch wenn ich beim Training selbst nicht viel Hilfe benötigte, Lisa hatte immer ein offenes Ohr für mich fand immer die passenden Worte um mich emotional aufzubauen. Denn ja, es war sehr emotional und eine herausfordernde Zeit. Also Lisa, Danke, dass es dich gibt!
Und an Euch alle, die Timos Geschichte gelesen haben. Bitte habt den Mut und holt Euch bei Problemen professionelle Hilfe bevor alles aus dem Ruder läuft.

Mach's gut mein kleiner Freund.